


Am Rand eines alten Gartens stand ein großer Holunder.
Nicht geschniegelt wie die Ziersträucher aus dem Gartencenter.
Ein wenig schief sogar.
Mit knorrigen Ästen, dunkler Rinde und Blüten, die im Frühsommer wie kleine Sterne leuchteten.
Jeden Morgen begann dort das gleiche kleine Wunder.
Noch bevor die Menschen ihren ersten Kaffee tranken, summte es bereits zwischen den weißen Blütendolden.
Wildbienen landeten vorsichtig auf den kleinen Blüten.
Schwebfliegen schimmerten in der Sonne.
Ein Rotkehlchen hüpfte durch die Äste.
Und irgendwo im Schatten raschelte ein Igel durchs Gras.
Der alte Holunder schien all das einfach still zu beobachten.
Im Sommer spendete er Schatten.
Zur Blüte duftete der ganze Garten süß und warm.
Im Herbst trugen seine Äste schwere dunkle Beeren, an denen sich die Vögel satt fraßen.
Die Menschen im Haus machten aus seinen Blüten Sirup und Tee.
Aus den Beeren wurde Saft gekocht, wenn die Tage wieder kühler wurden.
Und obwohl der Holunder nie ein Wort sprach, hatte man immer das Gefühl, er gehöre irgendwie zur Familie.
Die Großmutter sagte oft:
„Ein guter Holunder wacht über Haus und Garten.“
Darum schnitt man ihn nie achtlos zurück.
Darum ließ man immer ein paar Beeren für die Vögel hängen.
Und darum zog der Großvater manchmal noch leise den Hut, wenn er an ihm vorbeiging.
Nicht aus Aberglauben.
Sondern aus Respekt vor einem Strauch, der seit Jahren:
- Schatten schenkte,
- Tiere ernährte,
- Menschen half,
- und still Leben in den Garten brachte.
Denn wo ein alter Holunder wächst,
ist selten ein stiller Garten.


