Tekla – Tisch für eins
Tekla wohnte seit August zwischen dem Geräteschuppen und einem alten Ribiselstrauch.
Die Lage war ausgezeichnet. Ruhig, sonnig, gute Verkehrsanbindung. Vor allem abends herrschte reger Flugverkehr.
Jeden Morgen erneuerte Tekla ihr Netz. Sorgfältig, kreisrund und mit jener Liebe zum Detail, die man nur entwickelt, wenn man weiß, dass später jemand darin sterben soll.
An diesem Abend saß sie in der Mitte ihres Netzes und wartete.
Es dauerte nicht lange.
Surr!
Eine Fliege klebte im Netz.
„Entschuldigung!“, rief sie aufgeregt. „Ich glaube, ich habe mich verfangen!“
Tekla kam langsam näher.
„Das passiert hier öfter.“
„Könnten Sie mir vielleicht helfen?“
„Selbstverständlich.“
Die Fliege entspannte sich.
„Ach, vielen Dank!“
Tekla begann, sie sorgfältig in Spinnseide einzuwickeln.
Die Fliege wurde misstrauisch.
„Äh … was genau machen Sie da?“
„Ich sichere Sie.“
„Das ist aber sehr viel Sicherung.“
„Wir haben strenge Vorschriften.“
Kurz darauf hing die Fliege sauber verpackt im Netz.
Tekla betrachtete ihr Werk zufrieden.
Da landete eine Wespe auf einem nahen Blatt.
„Tekla! Was hast du denn da?“
„Abendessen.“
„Lebt das noch?“
Aus dem Paket kam ein leises:
„JA!“
Tekla seufzte.
„Noch.“
Die Wespe verzog das Gesicht.
„Du bist schon ein bisschen grauslich.“
Tekla sah sie lange an.
Dann blickte sie auf die Fliege.
Dann wieder auf die Wespe.
„Interessante Aussage von jemandem, der seine Kinder in lebende Raupen steckt.“
Die Wespe schwieg.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Dann schönen Abend.“
„Dir auch.“
Die Wespe flog davon.
Tekla setzte sich neben ihr ordentlich verschnürtes Abendessen.
Unter ihr gingen langsam die Gartenlichter an. Menschen saßen auf der Terrasse, tranken Wein und erzählten einander, wie friedlich die Natur doch sei.
Tekla blickte hinunter.
Dann biss sie zu.
Die Natur war tatsächlich friedlich.
Man durfte nur nicht zu genau hinsehen.



